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„Man sollte die Freiheit haben, nicht mit allem Geld verdienen zu müssen“
Erscheinungsdatum:
01. Juli 2023
Constantin Prinz zu Salm-Salm über sinnstiftendes Wirtschaften in der 32. Generation, die Kapitalanlage in Wandelanleihen und Aktien, warum er kein Fan von ETFs ist und was Douglasien besser aussehen lässt als das Verordnungs-Dickicht aus dem EU-Parlament.
Constantin Prinz zu Salm-Salm: An erster Stelle ist hier eines zu nennen: Demut. Egal, wie gut man Dinge geplant und analysiert hat, es kann immer anders kommen, als man ursprünglich dachte. Das haben wir auch jetzt wieder gesehen: Mit der drastischen Zinserhöhung aufgrund der Inflation hatten die wenigsten gerechnet, die Coronapandemie brach unvorhergesehen über uns herein und auch ein Krieg im 21. Jahrhundert auf europäischem Boden in der Ukraine war bis vor kurzem noch undenkbar. Es handelt sich dabei um ein Muster, das sich durch die Jahrhunderte zieht: Oft kommt es anders, als erwartet und vorhergesagt. Bleibt in der Landwirtschaft der erwartete Regen aus, fällt – egal wie gut man gearbeitet hat – die Ernte geringer aus.
Was bedeutet das für Ihre Asset-Allokation?
Für uns führt das in der Asset-Allokation dazu, dass wir sehr breit diversifizieren und dabei bevorzugt Wandelanleihen einsetzen. Es ist die ideale Anlageklasse für jeden Anleger, der diese Unsicherheiten adressieren möchte, also nicht genau weiß, was die nächsten vier bis acht Wochen bringen. Wenn es an den Börsen schlecht kommt, haben wir bei guter Bonität die vollständige Rückzahlungssicherheit der Anleihe. Wenn es gut läuft, alle Analysen stimmen und die Aktien vorankommen, kann man über das Wandlungsrecht sehr schön partizipieren. Ein ideales Instrument, wie wir finden.
In welchen Bereichen setzen Sie Wandelanleihen ein?
Wir investieren gern in Wachstumsunternehmen. Viele Wandelanleihen kommen aus genau diesem Bereich, weil die Unternehmen darin eine attraktive Finanzierung sehen. Im Segment der Wachstumsunternehmen bieten sich innovative Geschäftsfelder, in die man investieren kann. Im Moment sehen wir Chancen in den Bereichen Erneuerbare Energien, Cloud- und IT-Systeme. Auch Anwendungen rund um KI, wie ChatGPT werden oft von Wachstumsunternehmen entwickelt. Darüber hinaus gibt es viele Unternehmen, die Wandelanleihen emittieren, sodass man breit gestreut weltweit über diese Anlageklasse investieren kann – was wir sehr gerne tun.
Stichwort „weltweit“: Haben Sie mit Blick auf die Industrieländer und die Schwellenländer Präferenzen?
Wir wollen immer die globale Rendite von Unternehmen der Realwirtschaft abbilden. Bei Wandelanleihen bevorzugen wir dabei Industrieländer. Wir beteiligen uns an ausgewählten Wachstumsunternehmen, viele davon kommen natürlich aus den USA. Aber auch Europa und Japan haben einen festen Platz in unseren Portfolien. Bei Schwellenländern sind wir sehr selektiv. Rechtssicherheit und Entwicklungsstand der Kapitalmärkte in diesen Regionen der Erde lassen leider oft noch zu wünschen übrig.
Was hat den Ausschlag für die Dienstleistungen von Salm-Salm & Partner für Kapitalanleger gegeben?
Die Bankerfahrung, die in das 1989 gegründete Unternehmen eingebracht wurde. Wir kamen mit unserer damaligen Wandelanleihenstrategie sehr gut durch die 2000er-Jahre. Damals beschäftigte das Debakel der Dotcom-Blase alle Anleger. Kunden kamen auf uns zu und meinten: Macht doch daraus einen Fonds. Das war der erste Schritt zu unserem Wandelanleihen-Fonds. Nachhaltigkeitsfaktoren haben wir schon immer berücksichtigt. Allein schon aus unserer Familienphilosophie heraus. So kam dann nach den Beschlüssen der Pariser Klimakonferenz die Idee auf, einen klimaoptimierten Aktienfonds aufzulegen, der unsere Investmenterfahrung auch für Aktien bündelt.
Was ist Ihnen bei Aktien wichtig?
Hier wollen wir die globale Aktienrendite abbilden und dabei unserem Wertebild treu bleiben. Unsere Benchmark ist der MSCI World. Wir streben durch die scharfe Selektion von Einzeltiteln über alle Sektoren hinweg eine Outperformance an. Wir sind breit diversifiziert. Um bei meinem Beispiel zu bleiben: Oft entwickelt sich die Saat nicht gänzlich nach Wunsch. Wir suchen daher in jedem Sektor die besten Unternehmen aus. Es gibt natürlich Geschäftsbereiche und Geschäftspraktiken, die wir ausschließen, wie Kohle oder Firmen, die mit Abtreibung ihr Geld verdienen oder sich nicht an die Menschenrechte halten. Ein wichtiger Teil ist auch die Beurteilung der Zukunftsfähigkeit der Geschäftsmodelle. Zum Beispiel deren Auswirkung auf die Erderwärmung.
Wir gehen mit Sachverstand und Vernunft bei unseren Investitionen vor. Wir sind nicht die, die glauben, dass in 30 Jahren keiner mehr Auto fährt. Für uns kommt darauf an, welches Auto gefahren wird.
Lassen Sie uns kurz über die SFDR-Politik (Nachhaltigkeitsregulierung) der EU sprechen…
…wir sind gegenüber dieser Regulierung mehr und mehr kritisch eingestellt. Im Grunde genommen sind wir nicht glücklich mit dem aktuellen Ansatz der EU-Verordnung, weil wir befürchten, dass Nachhaltigkeit zu einem politischen Spielball wird. Das „E“, das „S“ und das „G“ in ESG-Anlagen kann jeweils sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Lassen Sie mich das am Beispiel erklären: Wir haben gerade große Diskussionen darüber, ob Forstwirtschaft aus der Nutzung des nachwachsenden Rohstoffs Holz noch nachhaltig ist oder nicht. Wer sich bei diesem Thema näher auskennt, weiß: Die Regulatorik geht einmal wieder an der Wirklichkeit vorbei. Juristen beschäftigen sich einmal wieder mit Wirtschaftsthemen. Anstelle sinnvoller Leitplanken entstehen realitätsfremde und abstrakte Auslegungen. Das sehen wir als grundsätzliches Problem bei den EU-Plänen.
Sie sagen, Nachhaltigkeit sehen Sie als Spielball der Politik.
In Deutschland würde die korrekte Auslegung der EU-Verordnung bedeuten, dass Holz nicht mehr eindeutig als nachhaltiger Rohstoff eingestuft wird. Dabei handelt es sich um einen der ganz wenigen nachhaltigen Rohstoffe, die wir haben. Der Nachhaltigkeitsbegriff stammt aus der Forstwirtschaft: Man entnimmt nicht mehr als nachwächst. Das ist der Inbegriff von Nachhaltigkeit. Jetzt zu sagen, Forstwirtschaft ist nicht mehr nachhaltig, um eine Handhabe zu bekommen, um Wälder flächendeckend stillzulegen, ist Irrsinn. Diese aktuellen Debatten sind politisch getrieben und sie sind brandgefährlich. Ich möchte daran erinnern: In den vergangenen Jahrhunderten haben wir nicht erlebt, dass der Staat der beste Wirtschafter ist. Mein Großvater hat Strafen zahlen müssen, weil er hier Douglasien angepflanzt hat.
…das sind Nadelbäume, die aus Oregon an der Westküste der USA kommen und sehr alt werden.
Genau. Und sie wurzeln sehr tief und haben eine hohe Harzproduktion, was sie gegenüber Käferbefall resistent macht. Bei guten Standortbedingungen werden sie locker 400 Jahre alt. Heute sind wir sehr dankbar für unsere Douglastannen, weil die Weitsicht unseres Vorfahren dazu geführt hat, dass wir noch Wald haben. Andere Waldbesitzer haben auf die schneller wachsende flachwurzelnde Fichte gesetzt und wegen der immer ausgedehnteren Trockenperioden der letzten Jahre geht ihr Wald zugrunde. Sie haben mit der Fichte falsch gelegen. Ich bin gegen übermäßige staatliche Eingriffe, gegen den aktuellen Weg der EU-Taxonomie, aber für ein vernünftiges Miteinander und sinnvolle politische Rahmengestaltung. Es kann nicht sein, dass das EU-Parlament uns bis aufs letzte Komma vorschreibt, was wir für mehr Nachhaltigkeit zu tun hätten.
Welche Lebensweisheiten aus der Geschichte Ihrer Familie nehmen Sie für das Asset Management mit? Demut hatten Sie eingangs genannt.
Ja, die Bäume wachsen nicht über Nacht in den Himmel. Das gilt oftmals auch für die Rendite. Demut und ein klares Wertebild geben uns hier viel Orientierung. Unsere tiefe Überzeugung ist es, dass es nicht sinnvoll ist, mit jedwedem Geschäftsmodell Geld verdienen zu müssen. Es ist völlig klar, dass man mit einer ganzen Reihe von Tätigkeiten viel Geld verdienen kann, aber die Frage ist, muss ich das? Unsere Devise ist, dass man nicht mit allem, auch wenn es ökonomisch attraktiv erscheint, Geld verdienen muss. Diese Freiheit und dieses Rückgrat sollte man als Unternehmer auch haben. Dazu ein letzter Punkt: Meiner Überzeugung nach ist es extrem wichtig, verantwortungsvoll mit seinem Eigentum umzugehen. Vor allem wenn man über gewisse Ressourcen verfügt, sollte man aktiv darauf Einfluss nehmen, was mit dem Geld passiert. Deshalb bin ich auch überhaupt kein Fan von ETFs.
Letztlich könnten die Anleger ja geneigt sein, ein ETF auf den MSCI World zu kaufen, den Sie als Benchmark nannten.
Ich empfinde es als unangebracht, nicht Verantwortung aus der Eigentümerschaft zu übernehmen und per passiven Investments den „direkten“ Aktienerwerb zu umgehen, ohne sich aktiv mit dem Geschäftsmodell und der Philosophie der im ETF investierten Unternehmen auseinanderzusetzen. Der Besitz an einem Gut bringt mit sich, dass man gedeihlichen Einfluss nehmen kann und dies meiner Ansicht nach auch sollte. Vor allem wenn wir über Begriffe wie Werte und Nachhaltigkeit reden und diese dann auch wirklich leben wollen. Hier sehe ich uns als Ansprechpartner für alle Anleger und Institutionen, die eine ehrliche, wertebasierte und nachhaltige Geldanlage suchen.
Hinweis: Dieses Interview ist in Kooperation mit DAS INVESTMENT entstanden und erstmals am 03.07.2023 erstmals auf dasinvestment.com erschienen.